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Schein oder Sein - Die Online-Lektüre |
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Online - Lektüre Schein oder Sein Der Untergrund ist o.k.!“ Einer der Jungs strich fachmännisch über die Wand und nahm die rote Spraydose lässig in die Hand. Kritisch musterte er mein mitgebrachtes Sortiment an Farben. “Cool!“ „Dann legt mal los. Ihr wisst, dass die Typen vom Amt besonderen Wert auf den neuen Slogan legen. Also achtet auf eine einheitliche Optik!“ Von der gegenüberliegenden Straßenseite beäugte uns ein Passant kritisch. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass die Zahl der besorgten Beobachter proportional zum Umfang der farbenfrohen Gestaltung wuchs. „Die Polizei ist schon gerufen“, triumphierte schließlich ein resoluter älterer Mann und fuchtelte drohend mit seinem Schirm durch die Luft. „ihr Fassadenschmierer!“ Ich überquerte langsam die Straße, was den Zuschauern überhaupt nicht behagte. Die ersten schlenderten gewollt unauffällig davon. „Es ist nicht alles, wie es scheint.“ Ich war auf der anderen Seite angelangt und lächelte höflich. Die Stadt hatte ein Graffiti-Projekt gestartet und uns diese ehemalige Lagerhalle zum Probe-Sprayen zur Verfügung gestellt. Ich als Grafikerin war als Beraterin engagiert, um die Jugendlichen dabei zu unterstützen auf den kahlen Betonwänden einer KITA die vorgegebene Thematik professionell zu realisieren. Den neuen Slogan WIN hatte ich den Verantwortlichen vorgeschlagen und damit einen Bombenerfolg in meiner jungen Karriere gelandet. Dabei war die Bedeutung dieser Wortschöpfung geklaut – stammte nicht im Entferntesten von mir und zu allem Überfluss hatte ich sie anfangs nicht Mal richtig verstanden. „Ich sehe doch was los ist.“ Der ältere Mann blickte mich feindselig an und die Passanten, die noch nicht das Weite gesucht hatten, nickten zaghaft bis heftig. Ich sah in ihren Mienen wie ich in sekundenschnelle eingeordnet wurde in eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Und schon saß ich drin in einer Schublade, zusammen mit Randalieren, Junkies und Vandalen. *** Ich würde ihn nie vergessen, jenen ersten Herbst in Berlin, der acht Jahre zurücklag. Ich war wenige Wochen zuvor mit meiner Mutter aus Hessen hierher gezogen, was mich nicht zu Begeisterungsstürmen hinriss. Meine Eltern waren, wie sie betonten, glücklich geschieden und immer beide für mich da. Pech, dass mein Vater für zwei Jahre nach Dubai ging, so dass sich das >Für mich da sein< auf Telefongespräche und Briefe beschränkte. Ich fand Erwachsene rücksichtslos und egoistisch, was auch die Superwohnung, die Mam anmietete, nicht gutmachen konnte. Erst recht nicht, als ich die Höhe der Miete erfuhr. „Deswegen ziehen wir doch um“, strahlte sie mich stolz an. „Die Bank hat hier einen tollen Ganztagsjob ausgeschrieben, und den habe ich bekommen. Jetzt brauchen wir nicht mehr jeden Euro zweimal umzudrehen. “ Bisher hatten wir bei ihrer wöchentlichen Arbeitszeit von 28 Stunden nicht am Hungertuch genagt, zumal Paps mehr zum Unterhalt beisteuerte, als er musste. Jetzt würde ich also den ganzen Tag vor ihr Ruhe haben. Ob ich das unbedingt so haben wollte, hatte sie mich nicht gefragt. Irgendwann im Oktober verbrachten wir die erste Nacht in unserer neuen Wohnung; In einer Stadt, die für mich bisher nur ein großer unbekannter Fleck auf der Landkarte gewesen war und mir soviel Vertrauen einflößte wie ein Zeitungsvertreter an der Haustür. Obwohl ich mir für mein Zimmer tolle neue Möbel ausgesucht hatte, zog ich mir die Bettdecke über den Kopf und heulte jämmerlich. *** Meine neue Schule war riesig, unübersichtlich und kalt wie eine Fabrikhalle. Dagegen erschien mir mein bisheriges Gymnasium wie ein Privatinstitut. Meine Klassenkameradinnen waren für mich wie eine neu erworbene CD, auf der einem die Hälfte der Titel doch nicht gefällt. Ich fand sie alle affig und eingebildet und hatte keine Lust mich mit ihnen abzugeben. Stattdessen bevölkerte ich nachmittags nach den Hausaufgaben lieber die U-Bahn, beobachtete die Leute oder fuhr stundenlang durch die Stadt. Ich hatte mir ein DINA4 Heft mit schwarzem Ledereinband zugelegt, in das ich in Comic-Manier die diverse Typen skizzierte. Daheim zeichnete ich ins Reine und versah meine Bildergeschichten mit Texten. Ich achtete bei meinen Studien darauf, nicht aufzufallen, denn gerade die originellsten Exemplare wirkten nicht, als könnten sie über meine Portraits lachen. Schnell bemerkte ich, dass ich nicht die Einzige war, die ihre Freizeit in der U-Bahn verbrachte. Es gab einige Menschen, die ich bei meinen Beobachtungen immer wieder entdeckte. Sie warteten nicht auf eine bestimmte Linie – nein sie saßen einfach auf der Bank, tranken oder aßen etwas, lasen Zeitung oder starrten ins Nichts. Andere schienen irgendwelche dunklen Händel zu betreiben, Kinder spielten Verstecken und manche wollten sich nur aufwärmen. Manchmal hielt ich es im Untergrund nicht aus und flüchtete nach oben in einen der Parks. Besonders gefiel mir der Friedhof in Zehlendorf in der Onkel-Tom-Straße mit den alten Grabdenkmälern. Hier konnte ich wenigstens einen Hauch Natur in dieser riesigen Stadt spüren. Der Blätter raschelten im Wind, Vögel zwitscherten und die Luft roch frisch. So war es also das Großstadtleben. Jeder tat, was er wollte und untereinander kannte kaum einer den anderen. In unserem kleinen Nest war mir beizeiten beigebracht worden, alle Leute zu grüßen. Hier hatte ich mich höllisch blamiert, als ich bei meinem ersten Spaziergang durch den Park zu den Entgegenkommenden Hallo sagte. Alle waren nur mich sich selbst beschäftigt, alles war anonym, keinen interessierte seine Umwelt. Dachte ich! „Was kritzelst du eigentlich immer in dein Heft? Du bist doch nicht von der Zeitung oder vom Fernsehen, Frau Wichtig!“ Ich saß an der U-Bahn-Station Mehringdamm auf einer Bank und schreckte wie vom Donner gerührt von meiner Zeichnung hoch. Vor mir stand ein Gruftiegirl, eines jener Mädchen, die aussahen als wären sie mit Dracula verwandt. Sie war kaum älter als ich, höchstens fünfzehn, von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, mit dunkel gefärbten Haaren, passendem Lippenstift und kajalumrandeten Augen. Sie hauste wahrscheinlich in einer chaotischen Wohnung mit Blick in den Hinterhof und quälte Spinnen und Insekten. Ich hatte sie schon vor einiger Zeit auf Papier gebannt. Mir fiel vor Schreck fast der Stift aus der Hand, und ich klappte mein Heft eilig zu und legte es neben meine Tasche auf die Bank. Unweit von uns stand mein letztes Motiv. Ein schlecht rasierter Mann mit Hut und einem schäbigen Mantel, der schon bessere Zeiten erlebt hatte. Wahrscheinlich ein Obdachloser. Interessiert spitzte er die Ohren. „Möchtest du ein Foto von mir, damit du dich daheim bei Mami aufpeppen kannst?“ Gruftie kaute ihren Kaugummi laut schmatzend und blickte provozierend auf mich nieder. Ich erhob mich. Wozu sollte ich ihr antworten? „Gibt’s auf deinem Planeten schon eine Sprache oder schweigt ihr euch nur an? Haben sie dich hier unten ausgesetzt? Du lungerst doch öfters hier rum!“ „Lass mich in Ruhe!“ Ich wandte mich der Rolltreppe zu. „Ich wüsste etwas Besseres, dass du mit deiner Zeit anfangen kannst, aber anscheinend hast du keine Lust mit mir zu reden.“ Ich drehte mich nicht mehr um und eilte die Rolltreppe nach oben, wo mich eine heftige Bö ein Stück mitriss. Es nieselte leicht und ich fühlte mich trübsinnig wie das Wetter. Erst recht nach dem Zusammentreffen mit dem Mädchen. Es war schon dämmrig. Die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos spiegelten sich in dem nassen Asphalt. Plötzlich sprang ein dunkles Etwas aus einer der Torfahrten heraus und sauste an mir vorüber. Ich hörte Reifen quietschen und entdeckte nur wenige Meter von mir entfernt, den kleinen Hund, der eben noch quicklebendig an mir vorbei gerannt war, regungslos am Straßenrand liegen. Hinter mir ertönte ein entsetzter Aufschrei und grob wurde ich zur Seite gestoßen. „Du dumme Kuh, konntest du ihn nicht festhalten, oder hattest du Angst dir die Finger schmutzig zu machen.“ Die Gothic-Tussi hatte sich über ihn gebeugt. Er winselte herzzerreißend. „Ist das dein Hund?“, ich beugte mich ebenfalls hinab, und starrte auf den sich vergrößernden Blutfleck an seinem Hinterlauf. „Ist doch scheißegal! Jedenfalls liegt er jetzt im Rinnstein und dieser verdammte Dreckskerl hat nicht mal angehalten.“ Sie versuchte den Hund auf den Arm zu nehmen, was ein böses Knurren zur Folge hatte. „Ich glaube, er hat Schmerzen.“ „Ach ja, Frau Wichtig. Stehen solche Weisheiten in deinem schwarzen Zeichenbuch?“ Sie blickte mich bitterböse an. Und reichte mir mein Heft. „Das hast du unten vergessen.“ „Wir müssen ihn zu einem Tierarzt bringen. Kennst du einen hier in der Nähe?“ „Und wer soll die Behandlung bezahlen? Meine Mutter dreht mir den Hals um. „Wer nix auf der Kralle hat, hat überall geloost.“ Dem Mädchen lief die schwarze Augenschminke über die Wangen. „Und der Streuner da, ist sowieso auf der Verliererseite.“ „Geld allein kann auch keine Wunder vollbringen.“ Ich hatte das Gefühl dass Gruftie mich in die Defensive drängte. „Meine überfahrene Katze ist operiert worden und trotzdem gestorben.“ Mir liefen nun auch die Tränen über die Wangen. „Wenn die jungen Damen ihre Grundsatzdebatte auf später verschieben, könnten wir vielleicht noch etwas für den Hund tun, bevor es zu spät ist.“ Ohne, dass wir es bemerkt hatten, stand der Landstreicher von der U-Bahnstation hinter uns. „Ach ja, noch so ein Neunmalkluger!“ Gruftie fuhr auf dem Absatz herum wie eine Furie. „Oh, Fred, du bist es, entschuldige!“ „Wir nehmen ihn mit. Das Taxi kommt gleich.“ Er zog seinen Mantel aus und wickelte ihn um das wimmernde Fellbündel. „Wir sollten ihn hier hinein wickeln.“ Ich starrte sprachlos auf das Szenario. Erst als die beiden fast schon im Taxi verschwunden waren, kam ich wieder zur Besinnung. „Wohin schafft ihr den Hund? Wollt ihr den anschließend verkaufen oder lasst ihr ihn einschläfern?“ „Den verkaufen wir an ein Versuchslabor, Frau Wichtig! Die sind für jedes Tier dankbar!“ Gruftie grinste mich hinterhältig an. „Nathalie.“ Die Stimme des Landstreichers klang streng. „Wenn dir etwas an ihm liegt, kannst du ja in den nächsten Tagen in die Dessauer Straße nach Lankwitz kommen.“ *** Ich verbrachte eine schlaflose Nacht und einen ätzend langen Tag in der Schule, bis ich es am Nachmittag nicht länger aushielt und meiner Mutter alles erzählte. Die Sache mit dem Versuchslabor fand sie absurd, aber sie versprach am nächsten Tag gemeinsam mit mir zu der notierten Adresse zu fahren. Allein traute ich mich nicht dorthin. „Du hast eine viel zu lebhafte Phantasie – aber sicher ist sicher.“ Zum Glück hatte Mam schon immer eine soziale Ader auch wenn es sich um einen Regenwurm handelte. „Hast du die richtige Hausnummer?“ „Natürlich, ich habe die Adresse sofort in mein Heft geschrieben.“ „Charlene, hier ist das Tierheim.“ „Und die verdienen sich ne’ schnelle Mark beim Verkauf ans Versuchslabor?“ Unsicher gingen wir vorbei an den Gehegen. Alles war sehr sauber und gepflegt. Vom Hundeabteil tönte uns lautes Bellen entgegen. Meine Mutter lenkte ihre Schritte zum Büro. „Ein kleiner verletzter Hund, ein junges Punker Mädchen und Fred? Na klar, kenn ich die.“ Die Frau hinter dem Schreibtisch lächelte uns freundlich über ihre Lesebrille an. „Der Hund ist noch in der Pflegeabteilung, aber schon wieder ganz okay.“ „Und dann geben Sie ihn an diesen Fred und an Gruftie. Die wollen ihn ans Versuchslabor verkaufen!“ Ich war außer mir und hätte den Hund am liebsten sofort mit zu uns genommen, aber der bescheuerte Vermieter duldete keine Tiere. Das Lächeln war aus dem Gesicht der Frau verschwunden. Sie erhob sich und nahm mich bei den Schultern: „Wie bist du bloß auf eine solche Idee gekommen? Man kann Menschen doch nicht nach ihrem Aussehen beurteilen.“ Sie blickte vorwurfsvoll zu meiner Mutter, die ja nun wirklich nichts dazu konnte. „Fred ist ein wenig verschroben. Er hat als Tierfotograph gearbeitet, lange Zeit in Asien gelebt.“ Sie lächelte nun wieder. „Auf seine Kleidung legt er keinen großen Wert, aber wenn Not am Mann ist, ist Fred immer zur Stelle. Das Mädel heißt Nathalie und hilft hier zwei Mal in der Woche. Du lebst wohl noch nicht lange in der Großstadt?“ Klasse, jetzt war ich als Landpomeranze erkannt! „Du hast beide in eine Schublade gesteckt, die ausgepolstert ist, mit Vorurteilen.“ Und noch mal traf Mam ein scharfer Seitenblick. „Sie sind nicht die Einzigen, die darin sitzen, stimmt’s?“ Ich nickte stumm, weil ich sofort an meine Klassenkameraden denken musste. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Mein Gesicht glühte. So eine Besserwisserin! „Lass sie heraus, Kind. Und wenn ich dir einen Rat geben darf, dann präge dir drei Worte ein - Wissensdurst, Interesse und Neugier - und handele danach. Sprech mit den Menschen, tausch dich aus und du wirst sehen – deine Schublade bleibt leer!“ Aha, tolle Lebensweisheit. Ich ärgerte mich maßlos, dass ich ins Tierheim gefahren war. Hinter mir versuchte meine Mutter die peinliche Situation mühsam durch ausschweifende Erläuterungen zu retten und erzählte irgendetwas in der Art "dass es überall auf der Welt Vorurteile gäbe, und dass ihr das alles sehr leid tue." Ich war längst ins Freie getreten und hörte nicht mehr zu. Erst ein paar Tage später als meine Wut verraucht war, begann ich über die drei Worte nachzudenken. Seitdem begleiteten sie mich so intensiv durch mein Leben, dass sie mich schließlich mit ihren Anfangsbuchstaben zum beruflichen Erfolg geführt haben. Und dem Tierheim habe ich jetzt nach acht Jahren von meinem ersten ordentlichen Honorar anonym ein schönes Sümmchen überwiesen. Das war ein echt gutes Gefühl kann ich euch sagen!
E N D E |
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