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Virus Fortunatis |
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Leseprobe Virus Fortunatis Ein Roman über die Suche nach dem großen Glück |
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„Wollen wir eine goldblonde Tönung oder lieber etwas Rötliches auftragen?“ Sie holte die Farbkarte herbei und freute sich wahrscheinlich schon auf den baldigen, verdienten Feierabend. „Ich verlasse mich auf Ihren Rat.“ Vertrauensselig überließ ich mich den Händen der Spezialistin und stimmte ihrer Auffassung zu, dass eine lange und eine kurze Seite auf dem gleichen Kopf unschön wirkt. Immerhin saß ihre Frisur perfekt und stand ihr ausgezeichnet, was von einem guten Geschmack zeugt. Ich bin seit Jahren auf meinen schulterlangen Haarschnitt festgelegt und nach einer Farbentgleisung mit siebzehn und der vergeblichen Hoffnung mit schwarzem Schopf wie Schneewittchen auszusehen, war ich immer beim Naturton geblieben. „Pissblond“, nennt mein Papa das. „In unserer Familie sind alle Mädels pissblond.“ Auf jeden Fall würde der sich wundern. Angestrengt vermied ich jeden Blick in den Spiegel während an mit gewerkelt wurde. Ich träumte von Bruce Darnells Styling Shows und der Erwartung mich ähnlich der dortigen Kandidatinnen nach Vollendung der Arbeit in ein Tausendschönchen verwandelt zu haben.
Da war der Glaube an das
persönliche Wunder wieder mal Vater des Wunschdenkens. Ich glaubte an
Virus Fortunatis, doch was ich nicht wusste: Ich war noch lange nicht an
der Reihe. Meine Haarpracht wurde also gewaschen, mit Tönung versehen,
abgespült, durchgekämmt, geschnitten und geföhnt. Wie ich es mir
vorgenommen hatte, vermied ich jeden Kontakt mit meinem Spiegelbild.
Endlich war der Moment der Wahrheit gekommen. Bei uns in der Firma heißt
das neuerdings „Moment of Truth“. An der Realität ändert das genauso
wenig wie der deutsche Begriff. Der vorbeischlendernde Chef bekräftigte durch heftiges Nicken den Begeisterungsausbruch seiner Mitarbeiterin, und ich lächelte tapfer. Die Kreation wurde mir nun mittels Handspiegel auch noch von hinten demonstriert, und ich bestätigte verkrampft, wie wunderbar dies doch sei. An der Farbe war sicherlich nichts auszusetzen – war sie doch noch das Beste an meinem neuen Styling. Die Frisur war handwerklich auch okay – nur passte sie so überhaupt nicht zu meinem Gesicht.
Artig bezahlte ich die
Rechnung und gab, wie es sich gehört ein ordentliches Trinkgeld. Eilig
trat ich meinen Heimweg an und war froh, dass die Innenstadt sich
mittlerweile geleert hatte. Zum Glück begegneten mir im Bus weder
Bekannte, Anverwandte oder Freunde. Ich betete inständig, in der Nähe
unseres Mietshauses kein Mitglied der Nachbarschaft zu treffen, bei dem
ich einen Lachanfall auslösen würde oder der mitleidsvoll davon hastete.
So als hätte er mich nicht gesehen. Wie zum Beispiel auf der Arbeit,
wenn man geschmacksverirrt gekleidet ist und voll daneben aussieht, dann
tun alle so, als wäre man nicht vorhanden.
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Inhaltsangabe
und Bestellnummer Kurzimpression aus dem Buch: Die Wiesbadener und der Schnee
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